25.03.2010
Dreier-Gespräch Dr. Pauk Fink, Stefan Feinendegen und Sylvia Hofer

Unternehmen im Boxenstop

Warum der Insolvenzplan als Chance wahrgenommen werden sollte

Obwohl der Insolvenzplan viele Vorteile verspricht, ist er in Deutschland immer noch die absolute Ausnahme: 2008 waren nur 2,2 % der Unternehmens-insolvenzen Planverfahren. Für die Erörterung der Gründe brachte imagIsoPart zwei Experten an den Tisch: Herrn Dr. Paul Fink von FRH Rechtsanwälte - Steuerberater ist auf Insolvenzverwaltung, außergerichtliche Liquidation und Reorganisierung sowie Handels- und Gesellschaftsrecht spezialisiert. Herr Stefan Feinendegen ist Geschäftsführender Gesellschafter und Partner bei IsoPart und ein Experte für Restrukturierung und strategische Neuausrichtung.

Sylvia Hofer: Wir wollen heute darüber sprechen, warum der Insolvenzplan in Deutschland auch 10 Jahre nach seiner Einführung immer noch ein Exot ist. Doch bevor Sie die Gründe dafür darlegen, bitte ich Sie kurz zu skizzieren, was denn die Alternativen zum Insolvenzplan bei Unternehmensinsolvenzen sind?

Dr. Paul Fink: Wenn ein Unternehmen Insolvenz anmeldet, gibt es im Grunde drei Möglichkeiten, wie es weiter geht: Die eine ist, dass das Unternehmen liquidiert, also abgewickelt wird. Die zweite Möglichkeit ist der Fall der übertragenden Sanierung. In diesem Fall veräußert der Insolvenzverwalter auf dem Wege eines sogenannten Asset Deal das Unternehmen oder komplette Unternehmensbereiche. Der Erwerber hat dadurch die Chance, den übernommenen Betrieb „auf der grünen Wiese“ neu zu planen. Die Geschäftsanteile des insolventen Unternehmens werden in der Folge wertlos, d.h. die Anteilseigner verlieren ihr Vermögen.
Der dritte Fall ist der Insolvenzplan. Hier vergleichen sich die Gläubiger mit der schuldnerischen Gesellschaft auf Zahlung einer anteiligen Quote und verzichten auf den Rest ihrer Forderung. Die Vermögenswerte und alle Verträge bleiben bei der den Insolvenzantrag stellenden Gesellschaft. Auch ihr Rechtsträger bleibt nach Abschluss des Verfahrens bestehen. Die Gesellschafter erhalten so einen sanierten und entschuldeten Betrieb zurück. Ihre Geschäftsanteile können bei Wiedereintritt in das Marktgeschehen erneut an Wert zulegen.

Stefan Feinendegen: Ein schönes Beispiel dafür ist die Herlitz AG: Wenn man sich den Kursverlauf der Herlitz-Aktie 2001/2002 anschaut, sieht man unmittelbar die Auswirkungen des Insolvenzplans auf die Position der Eigentümer. Hier ist es nach einer langen Phase der Insolvenz gelungen, mithilfe eines Planverfahrens eine nachhaltig positive Entwicklung anzustoßen. Dabei wurden auch die Interessen der Gläubiger gewahrt.

Sylvia Hofer: Wenn die Vorteile so klar auf der Hand liegen, warum kommt der Insolvenzplan dann bis heute in Deutschland nur so selten zur Anwendung?

Dr. Paul Fink: Zum einen ist die Durchführung eines Insolvenzplans an strenge Formalien geknüpft, die eine Handhabung durch Fachleute erfordern. Es ist schwieriger, einen komplexen Betrieb mit allen Verbindlichkeiten und Risiken zu beurteilen und als Ganzes fortzuführen, als nur einzelne Teile zu verwerten.
Zum anderen hat ein Insolvenzplanverfahren nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Gesellschaft in der Lage ist, den Gläubigern einen Betrag anzubieten, der mindestens dem entspricht, den sie bei einer schlichten übertragenden Sanierung oder Liquidation bekommen würden. Denn die Gläubiger stimmen natürlich nur dann für einen Insolvenzplan, wenn Sie feststellen, dass sie damit wirtschaftlich besser fahren.
Es müssen also überhaupt die Rahmenbedingen für ein Insolvenzplanverfahren bestehen und das ist oft gar nicht der Fall. Wenn aber die Voraussetzungen gegeben sind, ist die Fortführung mithilfe eines Insolvenzplans sicherlich die beste Alternative – auch im Interesse der Gläubiger, da ja ihr Kunde erhalten bleibt.

Stefan Feinendegen:
Tatsächlich kann der Geschäftsführer, der rechtzeitig Insolvenz anmeldet, mit einem Insolvenzplan kostengünstiger und effizienter vorgehen als außerhalb der Insolvenz. Dies hat dann auch Konsequenzen für die Gesellschafter. Wenn die Geschäftsführung vorausschauend plant und einen kritischen Umsatzeinbruch antizipiert, der sich aus dem Branchenumfeld ergibt, ist sie in der Regel auch in der Lage, das Unternehmen zu sanieren. Für die Gesellschafter bleibt so die Chance auf zukünftige Wertaufholung bestehen.

Dr. Paul Fink:
Gerade für den inhabergeführten Mittelstand kann das Insolvenzplanverfahren eine interessante Alternative sein. Zum Beispiel haben wir im letzten Jahr bei einem Produzenten von Textilmaschinen im Rahmen eines Insolvenzplans die Mittel der Gesellschafter für die Finanzierung eines Personalabbaus über einen Sozialplan erhalten. Damit war eine Kostensenkung und infolgedessen das Schaffen der Rahmenbedingungen für die Handlungsfähigkeit des Betriebs in der Zeit nach seiner Krise möglich. Nach vier Monaten wurde der Betrieb aus der Insolvenz entlassen, das Verfahren wurde aufgehoben und der Betrieb war sofort wieder wettbewerbsfähig. Dank der positiven Marktentwicklung war er sogar in der Lage, die krisenbedingt entlassenen Mitarbeiter teilweise wieder einzustellen.

Sylvia Hofer:
Das Unternehmen hatte also die Möglichkeit, sich durch eine gut vorbereitete Insolvenz innerhalb kurzer Zeit zu erholen und anschließend wieder am Marktgeschehen teilnehmen zu können. Könnte man dann eigentlich vom Insolvenzplan als einem Boxenstopp für angeschlagene Unternehmen sprechen?

Stefan Feinendegen:
Der Vergleich ist sehr treffend, vor allem auch, weil die negativen Wirkungen auf den Markt dank der Geschwindigkeit gering bleiben. Insbesondere bei Schieflagen von Familienunternehmen ist der Insolvenzplan eine plausible Alternative: Die Gesellschafter investieren ihren Beitrag, der häufig von den beteiligten Finanziers gefordert wird, in einen Boxenstopp, statt ein Sterben des Betriebs auf Raten zu finanzieren.

Sylvia Hofer:
Warum wird augenscheinlich auch dann selten mithilfe eines Insolvenzplans restrukturiert, wenn die Voraussetzungen gegeben sind?

Dr. Paul Fink:
Der neuralgische Punkt ist, dass die Gesellschaft erst einmal einen Insolvenzantrag stellen muss. Das ist unter dem europäischen und insbesondere deutschen Blickwinkel ein großer Makel. In der Regel scheuen die Unternehmer den Insolvenzantrag, weil sie Angst haben, damit ihre Reputation aufs Spiel zu setzen und ihren Absatzmarkt zu verlieren. Dabei ist der Insolvenzplan das perfekte Restrukturierungswerkzeug für Mittelständler, die ihren Betrieb für die Zukunft neu aufstellen wollen. Es bedarf allerdings einer guten Beratung und auch des Mutes des Unternehmers, diesen Schritt mit der Überzeugung anzugehen, dass man auch weiterhin mit seinen Namen für das Produkt und den Fortbestand des Betriebes am Markt auftreten kann.

Sylvia Hofer: Damit diese Chance in Zukunft öfter ergriffen wird, muss wohl zunächst Aufklärungsarbeit geleistet werden. Denn im Moment wird die Insolvenz sowohl von Seiten der Unternehmer als auch von Seiten der Konsumenten und der Geschäftspartner kritisch betrachtet. Es muss also zunächst das Vertrauen wachsen, dass die Insolvenz, wenn sie geordnet abläuft, keine Katastrophe, sondern eine Rekonvaleszenz bedeuten kann.

Dr. Paul Fink: In den USA zum Beispiel ist das kein Problem: Die Amerikaner lieben die erfolgreiche Umsetzung der zweiten Chance. Bei uns wird das Entscheidende sein, dass anstehende Insolvenzplanverfahren vor den Augen der Öffentlichkeit gelingen. Unsere Hoffnung ist, dass große Fälle wie Arcandor gut über die Bühne gehen und die Unternehmenslenker sowie die Gesellschaft dem Insolvenzplan eine höhere Akzeptanz entgegenbringen.

Sylvia Hofer: 2010 soll es ja so viele Unternehmenspleiten geben wie seit dem „Rekordjahr 2003“ nicht mehr. Wie sehen Sie die nahe Zukunft des Planverfahrens?

Stefan Feinendegen:
Von der erwarteten Pleitewelle 2010 werden viele Familienunternehmen betroffen sein. Insofern kann man sich nur wünschen, dass sie rechtzeitig ihre Chancen erkennen. Und wenn der angedachte Insolvenzplan bei der Karstadt-Insolvenz gelingt und das entsprechend von den Medien aufgegriffen wird, hoffe ich auf einen Schub für das Planverfahren in der breiteren Öffentlichkeit, von dem auch und gerade diese Unternehmen profitieren können.

Sylvia Hofer: Herr Dr. Fink, Herr Feinendegen, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.

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Weiterführende Links:

www.frh-recht.de
www.isopart.com
www.destatis.de

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