28.12.2009 von Sylvia Hofer Jendros
Zyklop

Zyklopen, Zwänge, Zusammenhänge

Reflexionen über den Einfluss von Unternehmen zum Jahresausklang

In diesem Jahr konnte man viel lesen über verkommene Moral und gute alte Tugenden. Über das, was Verantwortliche tun sollen und auf welchen Werten man sein Unternehmen am besten aufbaut. Aber warum man das alles sollte, erfährt der Leser selten. Die folgenden Zeilen sind ein Versuch, ein wenig Licht ins Dunkel der moralischen Buzz-Words zu bringen. Sie wollen zum Jahreswechsel anregen, seinen eigenen Einfluss zu erkennen und zu verstehen, warum es sinnvoll ist, ihn zu gestalten.

Auf seiner Reise landete Odysseus mit seiner Mannschaft auf einer Insel, die an das Eiland des Volkes der Zyklopen grenzte. Im Text heißt es über diese Wesen: „Sie wissen nichts vom Ackerbau, denn ohne ihr Zutun lassen die Götter dort Nahrung, Getreide und Reben wachsen. Sie kennen nicht Gesetze noch staatliche Ordnung, leben einsam in Felshöhlen und kümmern sich kaum um ihre Nachbarn“. Und als Odysseus auf den Zyklopen Polyphem trifft, ihn um Schonung anfleht und ihm dabei die Strafe der Götter bei Missachtung ins Gedächtnis ruft, antwortet ihm der Einäugige mit hässlichem Lachen: „Ein rechter Tor scheinst du mir, Fremder, wenn du meinst, uns Zyklopen kümmere die Rachedrohung der Götter. Sind wir selbst nicht viel mehr als sie?“

Es ist schon erstaunlich wie diese Episode an das Gebaren bestimmter Investment-Banker erinnert, die 2009 in Verruf geraten sind. Wie machtlos mussten Politik und Gesellschaft zusehen, als diese Banker das Ende der Krise ausriefen und in das alte Verhaltensmuster zurückfielen – Milliarden staatlicher Unterstützung zur Rettung der Finanzinstitute hin oder her. Doch zum Ende des Krisenjahres 2009 ist festzuhalten: Nicht nur die Boni-als-wäre-nichts-gewesen-Banker können sich einäugig verhalten.

Helmut Willke, Professor für Global Governance an der Zeppelin University Friedrichshafen, zieht eine Parallele zwischen den Ungetümen der griechischen Mythologie und den Funktionssystemen, in welche sich die Welt in Zeiten der Globalisierung aufgliedert. Weltsysteme wie Finanzen, Handel und Wissenschaft haben sich seiner Ansicht nach abgelöst von ihrem Umfeld und erheben ihre eigene Logik zum universellen Maßstab. Das System Wirtschaft funktioniert zum Beispiel nach der Unterscheidung „haben oder nicht haben“. Eine andere Logik ist im wirtschaftlichen Kontext nicht relevant. Doch genau hier lauert die Gefahr, engstirnig und einäugig zu werden. Nämlich dann, wenn die Systeme „die Fähigkeit verloren haben, ihren gesellschaftlichen Kontext als Bedingungen ihrer Möglichkeit zu sehen“, so Willke – sprich: wenn sie ihre Herkunft vergessen.

Michael Reder, Dozent für Sozial- und Religionsphilosophie an der Hochschule für Philosophie München, macht deutlich, dass Unternehmen in einem grundlegenden Spannungsfeld stehen: Sie sind Teil der Wirtschaft und als solcher an den Zweck gebunden, Gewinn zu machen, bzw. zu vergrößern. Gleichzeitig sind sie Teil der Gesellschaft und damit an deren Werte gebunden. Doch wie oft haben wir diesen zweiten Teil im Blick? Das Selbstverständnis vieler Unternehmen scheint sich im wirtschaftlichen Ziel, Gewinn zu maximieren, zu erschöpfen.

Deshalb ist es wenig verwunderlich, dass es Unternehmenslenkern plausibel erscheint, dass ihr Unternehmen seiner gesellschaftlichen Verantwortung zur Genüge Rechnung trägt, wenn es ausschließlich seinen wirtschaftlichen Interessen nachgeht. Die entsprechende Argumentation fasst Michael Reder zusammen: „Auch aus moralischen Gründen ist die Verfolgung von Eigeninteressen die bestmögliche Strategie, weil sie die größten Vorteile für alle Beteiligten mit sich bringt. Wenn Unternehmen ihren Gewinn maximieren, so wird dies auch die besten Folgen für die Gesellschaft haben (…) – so die These“.

Dass diese Sichtweise nicht nur zu kurz greift, sondern auch die Rechnung ohne den Wirt macht, durfte die Firma Nokia im Jahr 2008 eindrucksvoll erleben. Mitte Januar machte der Handyhersteller seine Absicht bekannt, seine Produktionsstätte in Bochum mit 2.300 Mitarbeitern zu schließen und nach Rumänien zu verlegen. Der Aufsichtsratschef der Nokia GmbH, Veli Sundbäck, begründete sein Vorgehen damals mit folgenden Worten: „Wir folgen der globalen Nokia-Strategie, die auf Kosteneffizienz und Flexibilität in der Logistik setzt. (…) Da wir erfolgreich sind, müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit kontinuierlich verbessern.“ Darauf folgten Proteste von allen Seiten und Teilen der Bevölkerung, die bis zum Boykott des Kaufs von Nokia-Geräten führten. Zu guter Letzt machte sich diese Aktion negativ in der Bilanz von Nokia bemerkbar: Marktanalysen der GfK zeigten für 2008 einen Rückgang des deutschen Marktanteils des finnischen Unternehmens von 8 Prozent im Vergleich zum Jahr 2007. Im selben Zeitraum verlor Nokia in Westeuropa nur 2 Prozent, was einen Zusammenhang der Verluste in Deutschland mit der unpopulären Vorgehensweise des Konzerns nahelegt. Es ist davon auszugehen, dass das Unternehmen von den deutschen Kunden nicht mehr viel erwarten kann. Der Imageschaden in Deutschland ist unbestreitbar: Warum sollte die deutsche Bevölkerung Nokia nach dieser Vorgehensweise je wieder mit offenen Armen begegnen?

Die Vorstellung, dass es ausreichen würde, Eigeninteressen zu verfolgen, um der Unternehmensverantwortung gerecht zu werden, kann also auch ökonomisch fahrlässig werden. Jede Firma agiert auf einem gesellschaftlichen Hintergrund, mit dessen Mitgliedern sie im Austausch steht. Ihre Leistungen beziehen sich auf die Gesellschaft und sie erwartet Leistungen der Gesellschaft, um ihre Leistungen erbringen zu können. Bis zu einem gewissen Grad bedingen sich Gesellschaft und Unternehmen gegenseitig.

Der Jahreswechsel bietet einen Anlass, über das eigene Eingebundensein nachzudenken. Wenn wir darüber reflektieren, beobachten wir die Wirkungen unserer eigenen Identität auf die Umwelt, erklärt Willke. Und Reder ergänzt, dass uns diese Beobachtung hilft, unsere „Wechselwirkungen zu anderen Systemen zu verstehen und die (…) Blindheit der zyklopischen Weltsysteme (zu) vermeiden“.

Oder anders ausgedrückt: Unternehmen, die sich über ihre Rolle in ihrem Umfeld klar werden, haben die Chance zu erkennen, dass ihr eigenes Überleben vom Überleben ihres sozialen und ökologischen Kontexts abhängt. Diese Bedingung kann kein Unternehmen hintergehen. Aber jedes Unternehmen hat die Möglichkeit, egal wie groß oder klein, seinen damit einhergehenden Einfluss wahrzunehmen und zu gestalten.

Und was geschah mit Polyphem, dem Zyklopen? Er verlor durch Odysseus` Hand sein einziges Augenlicht und konnte sich bei seinen Mitbewohnern nicht verständlich machen, als er sie bat, ihm Beistand zu leisten. Denn Odysseus hatte ihm zuvor listig erzählt, sein Name sei „Niemand“. So rief der Zyklop in seiner Not „Niemand bringt mich um, ihr Freunde!“ und keiner kam zu Hilfe.


Im Namen von imagIsoPart bedankt sich die Autorin bei Dr. Michael Reder, der sich für diesen Artikel die Zeit für ein inspirierendes Gespräch nahm und anregende Literatur beisteuerte.

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Quellen und weiterführende Links:

Michael Reder: „ Globalisierung und Philsophie. Eine Einführung“, WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2009

Michael Reder: „Wissen, Recht und die Grenzen der Ethik. Vier soziologische Thesen zu Sozial- und Umweltstandards“, Essay

Richard Carstensen: „Griechische Sagen“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2007
Im Originaltext ist die Schreibweise der einäugigen Riesen „Kyklopen“. Diese wurde im Zitat zur besseren Verständlichkeit angepasst in „Zyklopen“.

Helmut Willke: „Atopia. Studien zur atopischen Gesellschaft“, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 2001

Tagesspiegel, Alfons Frese: „Der Fall Nokia wird politisch“, Berlin, 17.01.08

http://www.heise.de/newsticker/meldung/Nokia-verliert-in-Deutschland-ueberdurchschnittlich-viele-Marktanteile-217335.htm

www.hfph.mwn.de, v.a. Institut für Gesellschaftspolitik

www.unglobalcompact.org

www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Mittelstand/corporate-citizenship.html

 

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