
Scheitern in Deutschland
Plädoyer für eine zweite Chance
„Remember Donald Trump?“ – das ist die Redewendung, mit der die amerikanische Öffentlichkeit das Comeback des Immobilien-Milliardärs nach seinem finanziellen Zusammenbruch in den 90er Jahren würdigte. Im Zuge der Rezession im Immobilien-Sektor 1989 konnte Trump seine Darlehen nicht mehr bezahlen. Zunächst brachte er weiteres Kapital durch zusätzliche Kredite auf, doch 1991 war die Schuldenlast so hoch, dass Teile seiner Unternehmen in die Insolvenz gehen und er obendrein beinahe Privatinsolvenz anmelden musste.
1994 hatte Donald Trump, nachdem er einige Abstriche hinsichtlich seines Einflusses und seiner Gehälter gemacht hatte, einen Großteil seiner privaten 900 Millionen Dollar-Schuldenlast getilgt und seine beinahe 3,5 Milliarden Dollar Geschäftsschulden zu einem wesentlichen Teil abbezahlt. Aus einer vertrackten Lage hatte er sich wieder herausgearbeitet und das wurde von der Öffentlichkeit und seinen Geschäftspartnern gewürdigt: Gebäude führen seitdem wieder seinen Namen, weil sich damit wieder Geschäfte machen lassen.
Trump schlug aus seinem finanziellen Schiffbruch Kapital und schrieb 1997 ein Buch mit dem Titel „The Art of the Comeback“. 2007 erhielt der inzwischen auch zum Fernseh-Star avancierte Donald Trump einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.
Das ist eine Geschichte des Scheiterns aus den USA.
Ganz anders klingen die Geschichten hierzulande. Zum Beispiel die von Franz Josef Dazert: Er prägte die Firma Salamander wie kein anderer – mit großen Erfolgen am Anfang, aber eben dann mit dem finalen Misserfolg, dass Salamander seit der Insolvenz 2004 von einer Übernahme zur nächsten gereicht wird. Das Manager-Magazin schrieb 2002 über ihn im Artikel „Erst Spürsinn, dann Starrsinn“. Darin muss sich Dazert vorwerfen lassen, „exzessiv sein Mandat missbraucht“ zu haben und als Exvorstand „unverfroren“ weiter-„regiert“ zu haben. Als „Oberaufseher“ und „Exzentriker“ betitelt, wird an ihm kein gutes Haar gelassen. Was Scheitern in unserer Gesellschaft bedeutet wird spürbar, wenn Journalist Freudenreich in seinem Buch „Abstürze“ über Dazert erzählt: „Wenn er früher einen Termin bei Späth, Teufel oder Rogowski brauchte, hat er ihn sofort bekommen. Im vergangenen Jahr, als er um ein Gespräch mit Utz Claassen (dem ehem. Vorstandsvorsitzenden des damaligen Salamander-Eigentümers EnBW – Anm. d. A.) bat, hat er nur eine Absage erhalten. Ohne Begründung.“
Warum wird der eine gefeiert, während der andere nicht einmal mehr Gehör findet?
Soziologe Wolfgang Backert hat dafür eine Erklärung: In seinem Essay „Kulturen des Scheiterns“ legt er dar, wie konträr die amerikanische zur deutschen Reaktion auf das Scheitern einer Person bzw. ihrer Unternehmung ausfällt.
Wer in Deutschland Erfolg hat, sollte sich warm anziehen. Denn auch wenn er zunächst gefeiert wird, wird er schon bald kritisch beobachtet bis schließlich beinahe schon darauf gewartet wird, dass sich Misserfolg einstellt.
Bei seinem Vergleich verschiedener Modelle des Scheiterns kommt Backert zu dem Schluss, dass das deutsche Modell das radikalste ist: Es gibt dem Protagonisten nur einen Versuch, wenn dieser misslingt, hat die Person keine weitere Chance: „Der in Deutschland bestehende Grundkonsens läuft darauf hinaus, den Gescheiterten im wahrsten Sinne des Wortes zu diskreditieren: ihm wird in Zukunft kein Vertrauen mehr geschenkt.“ Damit einher geht sein „sozialer Tod“: Der Gescheiterte wird im Nachhinein demontiert und behandelt, als würde er gar nicht mehr unter uns weilen.
In den USA geht es hingegen gerade um das Versuchen und weniger um dessen Ausgang: „In der Niederlage steckt in den USA quasi die Chance es erneut und diesmal besser zu versuchen“. Die Amerikaner sehen „im Scheitern die Chance für den Neuanfang“. Und so kommt es, dass in den USA gerade diejenigen den größten Zuspruch erfahren, die „sich anstrengen“ und weitermachen. Ihnen werden neue Chancen eingeräumt und ihre Erfahrung im Scheitern wird als Ressource genutzt, da einmal Gescheiterte ihre Fehler in Zukunft vermeiden und auf schwierige Situationen vorab richtig reagieren können.
Kehrseite der Medaille in den USA: Wer seine Chancen nicht nutzt und sich nicht anstrengt, hat keine Perspektiven und wird ausgegrenzt – ob er nicht kann oder nicht will, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. In Deutschland führte die harte Urteilsbildung über Erfolg oder Misserfolg zu einem System des Auffangens der Gescheiterten, das man in den USA wohl nie durchsetzen könnte: dem Sozialstaat.
Warum aber sind wir Deutschen so gnadenlos im Umgang mit den Misserfolgen anderer? Der Deutsche vergleicht und sieht in den Protagonisten auch sich selbst:
Er sucht in seinen Helden das „allgemein menschelnde“ und kann sich mit ihnen am besten über ihre Fehler identifizieren. Hat der Protagonist Erfolg und bleibt dabei auf dem Boden, ist also weiterhin „wie du und ich“, können wir Erfolg akzeptieren. Im Gegenzug führt uns das Scheitern dieser Person jedoch unsere eigene Fehlbarkeit vor Augen. Diese Erkenntnis scheint uns Deutschen besonders schmerzlich zu sein, weshalb wir das fremde Scheitern auch nicht mit ansehen können. Das einstige Vorbild wird nun unmöglich (gemacht) und ausgegrenzt, ist eben nicht mehr „einer von uns“. Diese Person kann man nicht mehr mit der eigenen vergleichen und ihr Scheitern hat nichts mit einem selbst zu tun.
Doch wer handelt, kann auch scheitern. Die Niederlage ist ein von vornherein mögliches Ergebnis einer Handlung. Wer etwas versucht, geht immer ein Risiko ein. Denn ein Teil jedes Versuchens entzieht sich der Kontrolle. Für Unternehmenslenker ist nichts zu versuchen keine Alternative, da sich kein Unternehmen Stillstand erlauben kann.
Backert hält fest: „ Das Scheitern als Stärke und als Chance zu betrachten und in zukünftigen geschäftlichen Erfolg umzumünzen, kann jedoch nur in einer Kultur erfolgen, die das gescheiterte Individuum nicht zum sozial Toten erklärt, sondern die ‚Vitalkräfte‘ die im Scheiternsprozess stecken können, anerkennt und positiv zu nutzen weiß.“
In ihrer psychologischen Betrachtung des Scheiterns ziehen Olaf Morgenroth und Johannes Schaller den Schluss: „Eines der wichtigen latenten Potenziale des Scheiterns scheint darin zu bestehen, uns zu motivieren, Neues zu entdecken (…). Berichte über das Scheitern sprechen immer wieder von dem Entdecken neuer Ressourcen (…). Das Scheitern (…) kann auch das Denken befreien.“
Es ist also Zeit für mehr Selbstvertrauen. Wer etwas versucht, darf auch scheitern und wer das beobachtet, kann sich zurücklehnen: Scheitern ist menschlich.
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Quellen:
Josef-Otto Freudenreich: „ Abstürze. Reportagen vom Scheitern und Aufstehen in einem Musterland“, Verlag Klöpfer und Meyer, Tübingen, 2006
Matthias Junge, Götz Lechner (Hrsg.): „Scheitern. Aspekte eines sozialen Phänomens“, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, Juni 2004
Wolfram Backert: „Kulturen des Scheiterns. Gesellschaftliche Bewertungsprozesse im internationalen Vergleich“ in „Scheitern. Aspekte eines sozialen Phänomens“, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, Juni 2004
Olaf Morgenroth, Johannes Schaller: „Zwischen Akzeptanz und Abwehr: Psychologische Ansichten zum Scheitern“ in „Scheitern. Aspekte eines sozialen Phänomens“, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, Juni 2004
„Donald Trump“ in http://en.wikipedia.org/wiki/Donald_Trump
Wolfgang Hirn, Dietmar Student: “Aufsichtsräte. Erst Spürsinn, dann Starrsinn. Wie Alleinherrscher Franz Josef Dazert den Salamander-Konzern dominierte und ruinierte“, Manager Magazin, 22. März 2002, http://www.managermagazin.de/magazin/artikel/0,2828,199392,00.html
