
Rettung oder Ruin?
Ein Versuch, Licht ins Dunkel der Restrukturierungsbranche zu bringen
Viel und ausführlich wurde darüber berichtet, in welche Katastrophe die Sanierung den Modelleisenbahnbauer führte. Das Traditionsunternehmen, das im Jahr seines 150-jährigen Jubiläums pleite ging, ist nun nicht nur um einige Millionen ärmer. Zu verdanken ist dies dem Vernehmen nach dem Management des Private-Equity-Fonds, der 2006 in das angeschlagene Unternehmen investierte. Im Normalfall ist so ein Investment ein Gewinn für diese Unternehmen - das belegt eine Studie der TUM und der Uni Bonn: Die meisten Engagements von Private-Equity-Fonds machen ihre Unternehmen langfristig fitter für den Wettbewerb. Doch der neue Eigner von Märklin wollte augenscheinlich vor allem eines machen: schnelles Geld.
"Ich glaube, das ganze Problem von Märklin ist die Komplexität" - so lautet die Antwort des Kingsbridge-Fondmanagers Mathias Hink auf die verlängerte Frage des Handelsblatts, warum das Investment bei Märklin denn so schiefgegangen sei.
Es gibt wohl kaum eine empörendere Erklärung, die der Repräsentant des ehemaligen Eigners hätte abgeben können.
Denn wie der Insolvenzverwalter Pluta herausfand wurde in all den Jahren nicht einmal die Grundlage geschaffen, um der vermeintlichen Komplexität Herr zu werden: Bis zum Zeitpunkt der Insolvenzanmeldung gab es keine Kostenstellenrechnung, so das Ergebnis der Nachforschungen der Financial Times Deutschland. Das heißt, dass niemand in der Lage war zu beurteilen, welche Produkte rentabel sind und welche nicht oder auch, welche Kosten vermeidbar gewesen wären.
Diese Vorgehensweise ist von einem professionellen Standpunkt aus schlicht nicht nachvollziehbar: Um eine Restrukturierung durchführen zu können, wäre eine der ersten Maßnahmen erfahrener Berater gewesen, eine Kostenrechnung aufzusetzen. Denn nur auf ihrer Basis kann vernünftig entschieden werden, welche Strukturen einer Änderung bedürfen.
Angesichts dieser Tatsache wird die Motivation der Berater, die diesen Restrukturierungsauftrag angenommen haben, fragwürdig. Jeder vor Ort wusste, was er tat, denn es handelte sich bei allen um Experten ihres Gebietes. Und wie sich spätestens bei der Übernahme der Geschäfte durch den Insolvenzverwalter Pluta herausstellte, waren die vielen, die kamen, um Märklin zu retten, hoch bezahlt.
Von Angemessenheit kann in Bezug auf deren Honorare keine Rede sein: Im Gespräch sind Tagessätze von bis zu 5.000 Euro pro Berater. Das ist vor dem Hintergrund, dass sich ein Unternehmen von jahrelanger Misswirtschaft finanziell erholen soll, schlicht nicht zu rechtfertigen.
Während die Berater und Manager kassierten, musste die Belegschaft tiefgreifende Sparmaßnahmen hinnehmen: Mitte 2008, nach bereits zwei Jahren erfolgloser Sanierungsarbeit und drohender Insolvenz, verlangte der von Kingsbridge eingesetzte Geschäftsführer Dietz seinen Mitarbeitern ab, auf einen nicht unerheblichen Teil ihres Lohns zu verzichten.
Was liegt den betroffenen Fachkräften, erfahrenen Mitarbeitern und vor allem den Leistungsträgern in dieser Situation näher, als schnell zur Konkurrenz zu wechseln? Wie steht es um das Verantwortungsbewusstsein und den Weitblick der Manager, die auf diese Weise mit den anstehenden Herausforderungen umgehen?
In Summe legen die Fakten im Fall Märklin den Schluss nahe:
Die Vorgehensweise der Verantwortlichen von Kingsbridge war von vornherein darauf ausgelegt, für sich das Maximale aus dem Unternehmen herauszuholen - egal, auf wessen Kosten. Möglicherweise auch auf ihre Eigenen.
Denn es stellt sich die Frage, ob es nicht möglich gewesen wäre eine Situation herbeizuführen, aus der alle als Gewinner hervorgehen. Wie viel effizienter wäre es gewesen, den Mitarbeitern Perspektiven zu eröffnen und sie als Partner für den Kampf in gemeinsamer Sache zu gewinnen, um eine von allen erwirkte Erneuerung anzufachen? Warum nutzte augenscheinlich keiner der vielen Berater vor Ort die Chance, einen durchdachten und fundierten Sanierungsplan zu erstellen, der unter anderem die Erfahrung der langjährigen Mitarbeiter berücksichtigt?
Das Verhalten der Verantwortlichen ist bestenfalls unverständlich. Es scheint, dass viele Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen, nicht genutzt wurden. Das geht sicher besser.
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Sonstige Quellen:
Pluta Rechtsanwalts GmbH, www.pluta.net, Pressemitteilungen
Gbr. Märklin & Cie GmbH, www.maerklin.de, Pressemitteilungen
Innovations report, Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft, www.innovations-report.de, "Studie über Finanzinvestoren: 'Heuschrecke' ist nicht gleich 'Heuschrecke'"
