
Impuls für Innovationen
Plädoyer für das Schöpferische im Scheitern
So manches Unternehmen verdankt seine besten und lukrativsten Ideen einer gravierenden Krise oder gar einer vorangegangenen Insolvenz. Die Firma Geobra beispielsweise, die vor der Ölkrise in den 70er Jahren vor allem für größere Plastikgegenstände wie Wasserski oder Trettraktoren bekannt war, entwickelte unter dem Druck des Rohstoffengpasses ein kleines Spielzeug, das wenig Materialeinsatz, aber einen hohen Verkaufspreis ermöglichte: Die Playmobil-Figuren. Geobra hat sich dank des Erfolgs der kleinen Figuren zum größten Spielzeughersteller Deutschlands entwickelt. Oder der österreichische, ehemalige Baummarktketten-Besitzer Karl Steiner: Nach seiner Insolvenz war er drauf und dran sein Leben hinzuschmeißen. Doch während seines Rückzugs in die Abgeschiedenheit der Natur kam ihm die Idee zum Luxus-Resort „Almdorf Seinerzeit“, das zum Vorbild für alle 5-Sterne-Resortdörfer wurde. Im Scheitern scheint eine Kraft zu liegen, die kreative Ergebnisse begünstigt.
Nachdem der berühmte Mathematiker Henri Poincaré einen Geistesblitz hatte, der ihm die Lösung für ein mathematisches Problem einbrachte, an dem er schon lange tüftelte, beschrieb er als erster den kreativen Prozess in vier Phasen, die bis heute die Grundlage der Kreativitätsforschung blieben. In einer Weiterentwicklung seines Modells beschreiben verschiedene Forscher einen Punkt oder eine Zwischen-Phase der Frustration.
Frustration tritt auf, wenn der Mensch an seine Grenzen stößt. Im kreativen Prozess ist das der Fall, wenn alle Wege, die der Kreative bisher genommen hat, ins Nichts führten, alle schöpferischen Versuche zum Scheitern verurteilt waren. Für David Sapp, Kunstprofessor an der Bowling Green State University in Ohio, steht der Kreative nun an einem Punkt der Entscheidung, an dem er folgende Handlungsalternativen hat:
„1. Verweigerung des Erreichten und Neustart mit der Gefahr, den bekannten Weg ohne Erkenntnisgewinn wieder zu beschreiten.
2. Akzeptieren einer suboptimalen Lösung, häufig mit der sich selbst täuschenden Erklärung der kreativen Qualität der gefundenen Lösung.
3. Hinnahme der Stagnation und Aufgabe.
Oder:
4. Überwindung der Frustration und im Weiterarbeiten Ausschöpfen des eigenen Potenzials, was letztendlich zur Illumination führt“ – also dem Einfall oder Aha-Effekt!
Der Kreative weiß, dass der einzige gangbare Weg der Weg Nummer 4 ist und hat diesen professionalisiert. Daniel Coleman et altera, die populärsten Publizisten rund um das Thema „kreative Intelligenz“, bringen es auf den Punkt: „Obwohl niemand Gefallen an Frust und Verzweiflung findet, nehmen Menschen, die ihr Leben lang kreativ bleiben, solche qualvollen Durststrecken als unumgänglichen Teil des kreativen Prozesses auf sich“. Scheitern gehört für Kreative quasi zum täglichen Repertoire. Denn im Über-Sich-Hinauswachsen nach dem Scheitern entwickeln sie Neues. Die Kreativitäts-Experten halten fest: „Betrachtet man die Dunkelheit als notwendiges Vorspiel für das kreative Licht, so ist man weniger geneigt, Enttäuschungen auf persönliche Unfähigkeit zurückzuführen oder sie ausschließlich negativ zu sehen“.
Diese Fähigkeit kreativer Menschen, das Scheitern als einen Teil der Lösungsfindung zu betrachten, ja geradezu als den Teil, der den Befreiungsschlag zur Lösung auslöst, ist das, was Psychologen mit dem Begriff „Resilienz“ zum Ausdruck bringen. Ursprünglich ein Begriff aus der Physik bezeichnete der Begriff die „Toleranz von Systemen gegenüber Störungen“. In der Psychologie bedeutet er die Widerstandskraft, die ein Mensch im Wechselspiel mit den Herausforderungen seines Lebens entwickelt. Und die kann man lernen.
Es gibt Firmen in den USA, die ihre Mitarbeiter dafür belohnen, wenn sie etwas wagen – und zwar auch dann, wenn sie damit scheitern: „Fehler werden geradezu gefeiert“ halten Morgenroth und Schaller fest und berufen sich dabei auf Studien von Robbins aus dem Jahr 2001, der unter anderem Hewlett-Packard als ein solches Beispiel nennt: „Leider belohnen die meisten Organisationen ihre Mitglieder nicht, wenn sich Erfolge einstellen, sondern wenn Fehler unterbleiben. Solche Kulturen ersticken Risikobereitschaft und Innovationen“. Und weiter führt er aus: „Menschen bringen nur dann neue Ideen vor oder probieren sie aus, wenn sie nicht befürchten müssen, dass dieses Verhalten Sanktionen nach sich zieht“.
Das gilt eben auch umgekehrt: Man wird nur dann mit Neuem aus einem Prozess des Scheiterns hervortreten können, wenn man das Scheitern annimmt. Alles andere wäre unökonomisch, denn – so die bedenkenswerte Einsicht von Frey und Schulz-Hardt – die Kosten dafür hat man zu diesem Zeitpunkt bereits bezahlt.
Es ist also selbst aus Kostengesichtspunkten angezeigt, dass Unternehmen lernen, sich auf das Scheitern einzulassen. Dr. Brigitte Stechhammer, ihres Zeichens Innovations-Coach, spricht sich daher dafür aus, dass Unternehmen eine „Kultur des Scheiterns“ entwickeln, also Scheitern als Teil des Konzepts „Erfolg“ begreifen. In Ihrem Essay des Buches „Scheitern, die Schattenseite unternehmerischen Handelns“ beschreibt Stechhammer, welche Fähigkeiten man benötigt, um die dafür nötige Resilienzkompetenz zu entwickeln:
1. Wissen, dass die Krise überwunden werden kann
2. Akzeptieren, dass man sich in einer Krise befindet
3. Den Fokus auf mögliche Lösungen legen
4. Sich auf seine Stärken besinnen und die Opferrolle nicht einnehmen, bzw. verlassen
5. Verantwortung für die Schritte zur Überwindung der Krise übernehmen
6. Sich Unterstützung aus seinem Netzwerk holen
7. Mit einem realistischen Blick auf die Zukunft das Entwicklungspotenzial – des Unternehmens oder auch der eigenen Persönlichkeit – ausloten und sich auf neue Scheitern-Situationen vorbereiten.
Resilienzkompetenz zu erlangen ist ein wichtiger Schritt, um aus einer Niederlage Profit zu ziehen. Das gilt besonders für Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten oder sogar in der Insolvenz. Schließlich ist es auch eine Frage der Betrachtungsweise, ob der Insolvenzantrag ein unverzeihliches und vollständiges Scheitern bedeutet oder ob er eine Möglichkeit ist, das Unternehmen mit neuen Erkenntnissen in eine neue Zukunft zu führen. Wird er als Möglichkeit gesehen, kann das angeschlagene Unternehmen einen Weg finden, sich aus seiner Situation zu befreien und wieder auf Erfolgskurs zu steuern. Denn es gibt augenscheinlich keinen besseren Zeitpunkt für die Entwicklung von Innovationen als den Augenblick nach dem Scheitern, kurz bevor man endgültig aufgeben will.
______________________
Quellen:
Stephan Sonnenburg: Kooperative Kreativität. Theoretische Basisentwürfe und organisationale Erfolgsfaktoren. Deutscher Universitäts-Verlag. Wiesbaden. 2007
Daniel Coleman, Paul Kaufman, Michael Ray: Kreativität entdecken. Carl Hanser Verlag. München. Wien. 1997
Essay von Brigitte Stechhammer: „Unternehmen brauchen eine Kultur des Scheiterns“ in Prof. Dr. Harald Pechlaner, Dr. Brigitte Stechhammer, Prof. Dr. H. Hinterhuber (Hrsg.): Scheitern. Die Schattenseite unternehmerischen Handelns. Die Chance zur Selbsterbeuerung. Erich Schmidt Verlag. Berlin. 2010
http://de.wikipedia.org/wiki/Resilienz
http://de.wikipedia.org/wiki/Playmobil
http://www.stern.de/wirtschaft/news/unternehmen/playmobil-invasion-der-mondgesichter-578919.html
http://www.reinholdrapp.com/OHOI-Blog/?tag=insolvenz
http://www.almdorf.com/de/kontakt/presse.ph
