
Das Scheitern meistern
Plädoyer für eine starke Führung
Beim Lesen des Buches „Ice Story. Shackletons Kampf in der Antarktis“ von Elizabeth Cody Kimmel wird sich selbst eine pessimistische Führungskraft klar: Wir können das schaffen! Denn im Vergleich zu dem, was Kapitän Ernest Shackleton und seine Männer in den knapp zwei Jahren ihrer vollkommen misslungenen Antarktis-Expedition Anfang des letzten Jahrhunderts durchgestanden haben, ist wohl jede Herausforderung, der wir uns stellen, ein Spaziergang. Das Faszinierende und Unvorstellbare an dieser nun beinahe hundert Jahre alten Geschichte des Scheiterns ist, dass überhaupt irgendjemand diese Expedition überlebt hat. Doch es kommt noch besser: Alle Beteiligten überlebten! Und das ist in erster Linie der Führungsstärke des Leiters der Unternehmung, Sir Shackleton, zu verdanken.
Als der Dreimaster „Endurance“ am 5. Dezember 1914 mit 28 Mann an Bord von South Georgia zum Südpol aufbricht, tobt in der Heimat der Erste Weltkrieg. Die Antarktis ist zu diesem Zeitpunkt einer der letzten unerschlossenen Flecken der Erde: Außer Pinguinen, Robben, ein paar kälteunempfindlichen Pflanzen und jeder Menge Eis finden sich nur ab und an todesmutige Polarforscher in dieser unwirtlichen Gegend. Drei Jahre zuvor hatte der Norweger Roald Amundsen den Südpol „entdeckt“ und dort die Fahne seines Landes gehisst. Shackleton wollte der Erste sein, der den eisigen Kontinent durchquerte. Sein Plan war mit einer vierzehnköpfigen Crew im Gebiet der Vahsel-Bucht anzulegen. Nach der Landung sollte sich ein Teil der Mannschaft dem wissenschaftlichen Studium der Antarktis widmen. Der andere Teil, Shackleton inbegriffen, sollte mit Hundeschlitten eine 2900 Kilometer lange Reise über den Südpol zum Rossmeer antreten.
Bereits am 18. Januar 1915 ist die eigentliche Mission gescheitert: Die Endurance ist vom Packeis eingeschlossen. Nach ein paar misslungenen Befreiungsversuchen ist klar, dass die Reise erst nach dem antarktischen Winter, im September, weitergehen kann. Damit die Mannschaft die Kälte und lange Dunkelheit besser übersteht, lässt Shackleton die Männer Fußball spielen, Theaterstücke einstudieren, Lesungen, Wettbewerbe und Kostümfeste veranstalten. Doch als sich ihre Lage im Laufe des Septembers immer noch nicht verbessert, dämmert der Crew, dass sie ein ernstes Problem hat: Die Eismassen üben inzwischen auf das Polarschiff einen derart großen Druck aus, dass es Gefahr läuft zu zerbersten. Im Oktober gibt Shackleton den Befehl, das Schiff für den Aufbruch vorzubereiten. Der Kapitän ist sich bewusst, dass das Schiff ziemlich sicher nicht mehr seetauglich ist. Gleichzeitig ist er sich im Klaren darüber, wie wichtig es ist, die Moral der Mannschaft aufrecht zu erhalten und eine optimistische Stimmung zu verbreiten. Würde die Mannschaft den Glauben an die Expedition und ihren Leiter verlieren, könnte das für alle tödlich enden.
Shackleton verbirgt seine Enttäuschung darüber, dass sein von langer Hand geplantes Vorhaben, die Antarktis zu überqueren, ein so frühes Ende findet und konzentriert sich auf seine Führungsrolle. Anflüge von Verzweiflung lässt er sich nicht anmerken, sondern zeigt sich in guter Laune und voller Entscheidungsfreude. Innerlich bereitet er sich auf das Sinken der Endurance und die Hölle vor, die der Mannschaft bevorsteht. Er lässt die Männer die Vorräte an das Oberdeck schaffen, von wo aus sie schnell in Sicherheit gebracht werden können. Als das Schiff Ende Oktober vom Packeis zermalmt wird, weiß Shackleton, dass sie nun der Eislandschaft des schrecklichsten Meeres der Welt ausgesetzt sind und dass eine Rettung von außen höchst unwahrscheinlich ist. Um die Männer nicht zu verunsichern, behält er dieses Wissen für sich und verkündet einen Rettungsplan: Ein langer Marsch soll sie zu einer Stelle offenen Wassers bringen, von der aus sie mit Rettungsbooten zur nächsten Insel rudern können.
Der Rettungsplan geht schief und mit ihm so ziemlich alles, was schief gehen kann. Shackleton ist gezwungen, sich laufend neue Lösungen für neue Probleme zu überlegen und die Mannschaft wird kreativ: Sie baut Öfen aus Metallstücken der Endurance, die sie mit dem Tran der erlegten Robben heizt. Sie zimmert Behausungen aus den umgedrehten Rettungsboten und Leinwänden des Schiffsmalers, in welchen sie aufgrund der geringen Höhe Monate lang gebückt verbringt. Der Geruch ihrer nach Monaten ungewaschenen Körper wird nur noch von ihren aus Schafsfell bestehenden Schlafsäcken übertroffen, die nie trocknen und nach und nach verschimmeln. Erbarmunglos konfrontiert die Antarktis die Gruppe mit jeder denkbaren Widrigkeit. Doch zu jedem Zeitpunkt hat Shackleton sein Augenmerk darauf, der Mannschaft ein souveränes Vorbild zu sein, fest davon überzeugt, dass die Rettung gelingt und dass das Team jede Herausforderung meistern wird, die sich ihnen in den Weg stellt.
Für Fredmund Malik hat ein guter Unternehmensführer die Aufgabe, für Ziele zu sorgen, seine Bereiche und Prozesse zu organisieren, zu entscheiden, geschickt zu kontrollieren und Menschen zu fördern und zu entwickeln. Am Beispiel von Ernest Shackleton lässt sich nicht nur zeigen, dass die Erfüllung dieser Aufgaben einen guten Unternehmenslenker ausmachen, sondern auch, dass es selbst unter den schwierigsten Bedingungen möglich ist, sie zu erfüllen.
Shackleton holt die Männer zu sich ins Zelt, die die Situation nicht so gut verkraften wie ihre Kameraden und verteilt die Zuversichtlichen auf die anderen Schlafstätten. Er kann nicht riskieren, dass eine gedrückte Stimmung um sich greift. Dank seiner starken Persönlichkeit bessert sich der Zustand der Angeschlagenen.Die Mannschaft ist sehr heterogen: Unter ihnen befinden sich erfahrene Seeleute wie Wissenschaftler und Abenteurer. Jeder von ihnen erfüllt seinen Zweck.
Fredmund Malik hält fest: „ Menschen zu entwickeln heißt zuerst und vor allem, sie nicht ändern zu wollen, sondern sie so zu nehmen, wie sie sind und daraus das Beste zu machen.“ Und weiter führt er aus: „Es heißt, ihre Stärken zu nutzen und ihre Schwächen bedeutungslos zu machen – nicht dadurch, daß man diese beseitigt (was ohnehin nur selten gelingt), sondern dadurch, daß man Menschen dort einsetzt, wo ihre Schwächen keine Rolle spielen“.
Besonders hinsichtlich der Menschenführung ist Shackleton sicherlich über sich hinausgewachsen. Der Kapitän verlangt von sich das Gleiche wie von seinen Gefährten: Ob beim Wache Stehen, beim Zupacken oder hinsichtlich der Größe der Essensrationen. Auch Privilegien gibt er an die Mannschaft weiter: Immer wieder motiviert er sie, indem er Leckerbissen aus seinen persönlichen Vorräten, wie gebratene Zwiebeln zum Frühstück, für alle zubereiten lässt. Er gibt seine guten Stiefel und seine Fäustlinge an Männer weiter, die sie nötiger brauchen wie er. Die Mannschaft spürt, dass er sogar bereit wäre, für sie zu sterben. Dieses Verhalten bringt ihm eine hohe, oft lebenslange Loyalität seiner Untergebenen ein. Sie vertrauen und folgen ihm auch in Situationen, die ihre Vorstellungskraft übersteigen.
Ab einem gewissen Punkt muss Shackleton die Mannschaften aufteilen. Er rudert zusammen mit fünf Männern eine 700 Meilen Strecke über das eisige Weddelmeer nach South Georgia, um dort ein Schiff zur Rettung anzuheuern. Den Rest der Mannschaft lässt er unter der Führung von Frank Wild, dem stellvertretenden Expeditionsleiter auf Elephant Island, einem felsigen, stürmischen, eisigen Stück Land, zurück. Die Männer warten dort über vier Monate darauf, dass ihr Kapitän zurückkommt, um sie zu retten. Jeden Morgen ruft Wild: „Räumt eure sieben Sachen auf, Jungs, vielleicht kommt heute der Boss zurück!“, woraufhin die Mannschaft die Zelte abbricht und alles für die Abreise vorbereitet, um am Abend wieder alles aufzubauen. Die Anweisung für diese Aktion gibt Shackleton Wild vor seinem Aufbruch und überträgt ihm die Verantwortung dafür, dass die Crew die Hoffnung auf seine Rückkehr nie ganz aufgibt.
Hans H. Hinterhuber erklärt in seinen Ausführungen zum Scheitern von Unternehmen: „Entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens ist zum Einen die Auswahl der obersten Führungskräfte, zum anderen die Einrichtung einer Kultur des Vertrauens und der Offenheit im Unternehmen.“ Und er erklärt, warum es möglich wurde, dass Shackletons Expedition gut ausgeht: „Führen heißt, sich als Teil derer zu verstehen, die mitgehen, mitdenken und mithandeln sollen (...). Das setzt voraus, denen zu vertrauen, die geführt werden, und dazu braucht man eben mehr als nur ‚eine Meinung von sich’. Man braucht eine Meinung von den anderen, um das Allerbeste aus seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herauszuholen“.
Shackleton hatte seiner Mannschaft versprochen, dass er jeden einzelnen Mann der Expedition aus der Antarktis lebendig wieder nach Hause bringen würde. Am 3. September 1916, knapp zwei Jahre nach dem Aufbruch der Endurance in die Antarktis und nach einer Kräfte zehrenden, todesmutigen Reise über das Eismeer, auf Eisschollen und über die eisigen Berge von South Georgia rettet er die zurückgebliebenen Männer von Elephant Island und bringt sie sicher zurück in die Zivilisation.
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Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Endurance-Expedition
Elizabeth Cody Kimmel: Ice Story. Shackletons Kampf in der Antarktis. Verlag Friedrich Oetinger. Hamburg. 2000
Pechlaner, Harald; Stechhammer, Brigitte; Hinterhuber, Hans H., (Hrsg.): Scheitern. Die Schattenseite unternehmerischen Handelns. Die Chance zur Selbsterneurung. Erich Schmidt Verlag. Berlin. 2010
Malik, Fredmund: Management. Das A und O des Handwerks. Band 1. F.A.Z.-Institut für Management-, Markt- und Medieninformationen. Frankfurt am Main. 2006
