
Lösungen
Außergewöhnliches Denk-Werkzeug für große Herausforderungen
1334 wurde die Kärtner Burg Hochosterwitz, die hoch oben auf einem Felsen lag, von der Herzogin von Tirol eingeschlossen. Die Herzogin beschloss, die Burg so lange zu belagern, bis die Belagerten, die keine Möglichkeit hatten ihre Nahrungsvorräte aufzustocken, aus Hungersnot aufgaben. Die Zeit verging, die Verteidiger waren zäh, doch die Nahrung wurde knapp. Aber auch die Belagerer verloren zusehends die Geduld und den Glauben an den Erfolg der Mission. Da ergriffen die Verteidiger der Burg in ihrer Verzweiflung eine ungewöhnliche, ja scheinbar widersinnige Maßnahme: Sie nahmen ihre letzten Essensvorräte und schleuderten sie ihren Feinden entgegen. Die höhnische Tat zeigte Wirkung, die Belagerer zogen in der Überzeugung ab: Wer sein Essen den Feinden vor die Füße werfen kann, ist noch lange nicht soweit, aufzugeben.
Mit dieser Anekdote veranschaulichen die Autoren von "Lösungen", was sie anschließend systematisch aufbereiten: Der bekannte Wissenschaftler Paul Watzlawick und seine Kollegen untersuchten ausgehend von therapeutischen Zusammenhängen die Phänomene der Problementstehung und -behebung. Dabei stießen sie auf die ihnen innewohnenden Gesetzmäßigkeiten. Sie formalisierten ihre Erkenntnisse und hielten sie fest - für jegliche Form menschlicher Interaktion, auch im größeren gesellschaftlichen Rahmen. Das Buch wurde 1973 geschrieben. Es ist also nicht wirklich die neueste Entdeckung. Dafür ist sein Inhalt umso bereichernder.
Das Überraschende an diesem Buch ist, dass es sich der Mathematik und der Logik (Gruppentheorie und Logische Typenlehre) bedient, um alle (lösbaren) Probleme zu beschreiben und ihre Struktur zu verdeutlichen.
Watzlawick und seine Mitarbeiter kommen zu dem Schluss, dass es Lösungen erster und Lösungen zweiter Ordnung gibt. Während Lösungen erster Ordnung innerhalb des Systems Änderungen herbeiführen und somit die Lösung einleiten, sind Lösungen zweiter Ordnung durch einen logischen Sprung gekennzeichnet, der einen Ausweg aus dem System heraus weist und somit das System selbst verändert.
Die Autoren zeigen auf, dass gerade die Vorgehensweise, die dem "gesunden Menschenverstand" entspricht bisweilen zur Verschlimmerung eines Problems führen kann. Dank der klaren Systematik, die sie den Problembeschreibungen zugrunde legen, drängt sich die richtige Vorgehensweise als zwingend-logische gleichsam auf.
Zum Beispiel, dass Lösungen von Problemen selbst zum Problem werden können, wenn man eine unangenehme Situation durch das Einführen ihres Gegenteils zu entschärfen versucht. Erklärung: Weil das dem Element entgegengesetzte Element einer Gruppe (= Inverse) zusammen mit dem Element ein diese beiden einendes Element ergibt. Das Ergebnis ist also keine Änderung des Problems.
Wer Herausforderungen einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten will und keine Angst vor logischen Formalismen hat, der ist gut beraten, sich in diesem Buch Inspiration für die eigene "Lösungsfitness" zu holen.
