27.07.2009
List auf Lager?

List auf Lager?

Wie die alten Chinesen helfen können, nicht am falschen Ende zu sparen

Wenn die Geschäfte nicht so laufen wie gewünscht, muss man die Kosten zurückfahren. Da das in der Produktion schnell zu spürbaren Qualitätsmängeln führen kann, wird meist zuerst dort gespart, wo sich die Einschnitte nicht so schnell zeigen: bei den Investitionen. Es ist kein Geheimnis, dass das der falsche Weg ist. Nur wer in die Zukunft investiert, hat auch eine. Deshalb sollten zum Beispiel die Ressourcen für eine klare Positionierung vor allem dann aufgestockt werden, wenn die Erträge rückläufig sind. Eine gute Vorbereitung und Planung, gerade in schwierigen Zeiten, ist kein Luxus, sondern die Sieger-Strategie. Das wussten die Chinesen schon vor langer Zeit.

Dass die Wirtschaft ein Schlachtfeld ist, muss recht schnell klar gewesen sein. Denn der Begriff der Strategie ist in der Sprache der Unternehmen tief verankert: Ob Unternehmensstrategie, Vertriebsstrategie, Strategieworkshops oder strategische Markenführung - überall ist das Wort zu finden, das im Deutschen "Kampfplanung" bedeutet.

Strategisches Denken hat seinen Ursprung also in der Kunst der Kriegsführung.
Es liegt nahe zu prüfen, ob in dieser Kunst auch Antworten für die heutigen Herausforderungen der Wirtschaft zu finden sind.

Die ersten, die ihre Gedanken und Erfahrungen in der Kriegsführung festhielten, waren die Chinesen. Genauer gesagt der Stratege Sunzi. Sein Werk "Die Kunst des Krieges" verfasste er vor circa 2.500 Jahren. Darin beschreibt er, was zu tun und was unbedingt zu vermeiden ist, wenn man sein Ziel, den Sieg über den Feind, erreichen will. Nun ist die heutige Wirtschaft nicht darauf ausgelegt, alle Feinde zu besiegen - das wäre der Tod des Systems. Dennoch kann es sich lohnen, den Gedanken Sunzis nachzugehen:

"Wenn du den Feind und dich selbst kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen."

Natürlich: Wie sollte man jemals seine Ziele erreichen, wenn man keine hat? Und zwar weil man weder weiß, was man selbst eigentlich soll oder will, noch, in welchem Umfeld man sich befindet. Sunzis Worte lassen sich hervorragend heranziehen um zu begründen, warum jedes Unternehmen seine Corporate Identity* samt kurzfristiger und langfristiger Unternehmensziele erarbeiten muss. Auch, warum das Analysieren seines Umfelds ausschlaggebend für den Erfolg ist, lässt sich daraus ersehen. Das diese Analysen nicht nur einmal erstellt werden sollten, sondern regelmäßig, erschließt sich ebenfalls, denn der "Feind" ist nicht immer derselbe.

Weise, selbsterklärend und doch so oft unberücksichtigt ist auch dieser Rat Sunzis:
"Wer als erster auf dem Felde ist und das Kommen des Feindes erwartet, der ist für den Kampf ausgeruht".

Diese Anforderung ist sicherlich hoch, doch der Lohn dafür umso höher: Wer mit seinen Produkten, seinem Service oder auch in seiner Kommunikation die Vorreiterschaft erlangt und aufrecht erhalten kann, der genießt viele Vorteile, die er sich anders mühevoll "erkämpfen" müsste. Beispiel Markenführung: Innovation ist ein wesentliches Kriterium für das Entstehen von Markenloyalität. Wer seine innovative Kraft laufend unter Beweis stellt und sich dadurch markentreue Kunden schaffen konnte, der verfügt über das höchste Gut, das eine Marke besitzen kann: Das Vertrauen dieser Käufer geht soweit, dass selbst Qualitätsmängel und misslungene Experimente einmal nachgesehen werden.

Überraschender, zumindest in unseren Gefilden, klingt dieser Ausspruch Sunzis:
"Jede Kriegsführung gründet auf Täuschung".

Es war Dr. Harro Senger der in den achtziger Jahren als erster ein gut gehütetes Geheimnis der Chinesen übersetzte und für die westliche Welt zugänglich machte: Die 36 Strategeme. Eine Sammlung von teils kuriosen Sinnsprüchen aus dem 16. Jahrhundert, die den Leser vor allem in der Anwendung von List und Täuschung unterweisen. Während diese Vorgehensweise bei uns schnell den Beigeschmack des Unmoralischen hat, verstanden die Chinesen damit wertfrei umzugehen. Für sie war die listreiche Kriegskunst die höchste: Nicht die List, sondern die Absicht dahinter schien allein darüber zu entscheiden, ob das Vorgehen zu verurteilen war.

Eine Kostprobe gefällig? Strategem 11: "Den Pflaumenbaum verdorren lassen, damit der Pfirsichbaum blühen kann". Kein Ratschlag für Gärtner, aber unter Umständen einer für Manager: Man muss in der Lage sein, auf einen weniger wichtigen Sieg zu verzichten, um eine große Schlacht zu gewinnen. Das ist durchaus eine Kunst. Denn wer hat schon den Weitblick zu erkennen, welches Opfer es sich zu erbringen lohnt und die Souveränität, das vor gesammelter Mannschaft zu vertreten?

Planung und strategisches Erarbeiten der Zukunft haben etwas mit Mut und Tapferkeit zu tun - vor allem in unsicheren Zeiten. Ob sich die alten chinesischen Weisheiten der Kriegskunst auf die komplexen Herausforderungen von heute gänzlich übertragen lassen, ist zumindest kritisch zu hinterfragen. Doch Mut und Tapferkeit sind Tugenden, die in der wirtschaftlichen Welt von Belang sind. 

Sunzi zeigt die Folgen mangelnder Courage auf:
"Unglücklich ist das Schicksal jener, die versuchen, ihre Schlachten zu gewinnen und ihre Angriffe erfolgreich zu führen, ohne daß sie den Wagemut fördern, denn das Ergebnis ist Zeitverschwendung und allgemeiner Stillstand".

Das kann sich sicher kein Unternehmen leisten.

* Def.: Die Corporate Identity ist der Charakter oder die Persönlichkeit einer Organisation einschließlich der Unternehmenskultur, den Werten und der Philosophie, wie sie innerhalb der Organisation wahrgenommen und nach außen demonstriert wird.

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Quellen:

Sunzi, Wu; "Die Kunst des Krieges", Droemer Knaur Verlag, 2001
Dr. Harro von Senger (Hrsg.); "Strategeme"; Scherz Verlag, 1988
Campus Verlag, Wirtschaftslexikon "Campus Management", 2006

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